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Starke "Iphigenie" im Stadttheater Klagenfurt

Heute, 11:08 · Lesedauer 3 min

Aktueller geht es kaum: Die auf die Insel Tauris verbannte Iphigenie will mit König Thoas keinen "Deal machen", sondern ihn überzeugen, sie mit ihrem Bruder Orest friedlich heimkehren zu lassen. Wie ihr das gelingt, zeigte die bejubelte Premiere von Goethes Schauspiel "Iphigenie auf Tauris" Donnerstagabend im Klagenfurter Stadttheater mit eindringlichen Bildern und einem starken Schauspiel-Ensemble.

Bei aller Aktualität dieses Anti-Kriegs-Stückes aus der Weimarer Klassik kommt die Inszenierung von Anna Stiepani nicht mit dem Holzhammer daher, sondern setzt auf eindringliche Symbolik und stimmige Atmosphäre. Die musikalische Gestaltung (Karsten Riedel) holt die zeitlose Geschichte sanft ins Jetzt: von Queen, Simon and Garfunkel bis zu Leonard Cohen beim eingefrorenen Schlussbild mit der ausgestreckten Hand Iphigenies. Da braucht es den Hinweis auf die Verortung der mythischen Insel Tauris auf der Halbinsel Krim gar nicht mehr.

Eine Hauptrolle spielt das wuchtige, scheinbar in den Zuschauerraum hineinwachsende Bühnenbild von Jenny Schleif. Wolken und Wasser, Himmel und Erde gehen fließend ineinander über in bewegten Videoprojektionen (Gloria Gammer), die eine stufenförmige Kulisse in faszinierende Farbstimmungen taucht. Klappen für die spärlichen Requisiten vervollständigen die das Ensemble körperlich fordernde Bühnenarchitektur.

Auch für klugen Humor hat diese feinsinnige Inszenierung Platz: So holt etwa der um Iphigenie werbende König Thoas (Andreas Patton im orange-roten Feuermantel) aus einer dieser Klappen ein modernes Bügeleisen, um ihr seinen Antrag zu machen. Freundlich aber bestimmt lehnt die selbstbewusste Priesterin den aber ab und provoziert so die Wut des Mannes, der verfügt, dass der erste fremde Ankömmling auf der Insel getötet werden soll. Es ist Iphigenies Bruder Orest (Thomas Gräßle), der beider Mutter Klytämnestra ermordet hat und von Furien gejagt mit seinem Freund Pylades (Sebastian Fischer) auf Tauris landet. Die Vorgeschichte der Tantalidensage hat gleich zu Beginn des Spiels die Figur des Arkas vom Hof des Taurerkönigs (Katharina Schmölzer) in Erinnerung gerufen.

Möst glänzt in Titelrolle

Das bis auf kleine Textunsicherheiten souveräne Ensemble wird von Raphaela Möst angeführt, die in der Titelrolle glänzt. Sie ist die, ganz im Sinne der Weimarer Klassik, zwischen Pflicht und Neigung gefangene Iphigenie, der es schließlich doch gelingt, den Terror zu überwinden und eine friedliche Lösung zu finden. Mit deutlicher Aussprache, kleinen, sympathischen Gesten und Posen verkörpert sie ideal eine Iphigenie, die ihrem moralischen Kompass vertraut und standfest um gegenseitiges Verständnis wirbt. Und das macht diesen Friedensappell auch zum feministischen Stück. Denn immer wieder pocht Iphigenie auf Gleichberechtigung in einer patriarchalen Welt: "Ich bin so frei geboren als ein Mann!"

Warum ist dieses humanistische Kernstück der deutschen Klassik eigentlich nicht öfter auf den Bühnen zu sehen? In Zeiten der autokratischen "Deal-Maker" könnte man mehr davon brauchen. Die Klagenfurter Inszenierung macht jedenfalls dieses Manko mehr als wett und wurde am Premierenabend mit stehenden Ovationen gefeiert.

(Von Karin Waldner-Petutschnig/APA)

(S E R V I C E - "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang von Goethe, Fassung für das Stadttheater von Hans Mrak und Anna Stiepani. Mit: Raphaela Möst (Iphigenie), Andreas Patton (Thoas, König der Taurier), Thomas Gräßle (Orest), Sebastian Fischer (Pylades), Katharina Schmölzer (Arkas); Anna Stiepani (Regie), Jenny Schleif (Bühne und Kostüme), Karsten Riedel (Musik), Gloria Gammer (Video), Walter König (Licht), Hans Mrak (Dramaturgie); weitere Vorstellungen: 1., 5., 7., 12., 14., 27., 29. März, 5., 8., 11. April 2025, 19.30 Uhr; www.stadttheater-klagenfurt.at)

Zusammenfassung
  • Die Premiere von Goethes 'Iphigenie auf Tauris' im Stadttheater Klagenfurt wurde am Donnerstagabend mit stehenden Ovationen gefeiert.
  • Raphaela Möst glänzt in der Titelrolle und verkörpert eine Iphigenie, die zwischen Pflicht und Neigung gefangen ist, während die Inszenierung von Anna Stiepani auf eindringliche Symbolik setzt.
  • Die musikalische Gestaltung von Karsten Riedel und das Bühnenbild von Jenny Schleif tragen dazu bei, die zeitlose Geschichte in die Gegenwart zu holen.