Wiener Römer-Massengrab könnte Stadtgeschichte verändern
Denn zu jener Zeit war das römische Militärlager Vindobona - dort wo heute Teile des Ersten Wiener Gemeindebezirks zu finden sind - noch nicht zu jener Größe ausgebaut, die man auf Modellen beispielsweise im Wien Museum am Karlsplatz sieht. Ausgerechnet weit vor den Toren des Stützpunktes, der als Kern der späteren Stadtentwicklung gilt, eröffneten sich im Nachgang von Baggerarbeiten bei der Sanierung des "Ostbahn-XI"-Sportplatzes in der Simmeringer Hasenleitengasse in der Nähe des Zentralfriedhofes ganz neue Perspektiven auf die Stadtgeschichte, erklärten Wien Museum-Direktor Matti Bunzl und eine Reihe Experten.
"Simmering gegen Kapfenberg, das nenne ich Brutalität" - dieser auf Fußball bezogene Ausspruch, den der legendäre Kabarettist Helmut Qualtinger mitprägte, drängt ins Bewusstsein. Was aber Ende Oktober 2024 auf dem Fußballplatzgelände am Rande der Hauptstadt zum Vorschein kam, übersteigt die Vorkommnisse bei einen rustikalen Match bei weitem: Die Skelette der einstigen Soldaten weisen nämlich allesamt noch heute deutlich sichtbare Kampfverletzungen auf, die ihnen mit Geschossbolzen und allerlei Hieb- und Stichwaffen beigebracht wurden auf, so die Archäologin Michaela Kronberger vom Wien Museum und die Leiterin der Stadtarchäologie Kristina Adler-Wölfl.
Nie hätte man dort mit einem römischen Fund gerechnet, vor allem weil zur damaligen Zeit eigentlich Brandbestattung betrieben wurde. Daher der Schluss, dass die Auffindesituation auf große Eile und Furcht vor weiteren Angriffen bei den hastigen Bestattern schließen lässt, so die Expertinnen und Experten. Das Bild, das sich bot, wirkte auch rund 2.000 Jahre später durchaus schauderhaft, so Kronberger: Ihr habe "total gegruselt".
Junge, gesunde Soldaten mit Gardemaß
Man dürfe nicht vergessen, dass der "unglaubliche Fund" aus den Überresten von großteils zwischen 20- und 30-jährigen Männern in vergleichsweise gutem allgemeinen Gesundheitszustand besteht, die "auf grausamste Weise hingeschlachtet wurden". Man müsse daher auch bei der Bergung und Aufarbeitung möglichst pietätvoll vorgehen, sagte Michaela Binder von der an der "Rettungsgrabung" beteiligten Novetus GmbH.
Für Martin Mosser von der Wiener Stadtarchäologie liegt der wahrscheinlichste Grund für den Gewaltausbruch unter den für damalige Zeit mit den Gardemaß vom im Schnitt 1,70 Metern ausgestatteten Soldaten in den "Donaukriegen" unter dem römischen Kaiser Domitian, dessen Regentschaft vom Jahr 81 bis 96 reichte. Viel ist nicht überliefert von den auch von Einfällen von Germanenstämmen jenseits der Grenze - des "Donaulimes" - gekennzeichneten Kämpfen. Der Kaiser habe Informationen dazu vermutlich unterdrückt.
Spärliche historische Informationen
In einer historischen Quelle ist aber vom Verlust einer ganzen Legion um das Jahr 92 n. Chr. zu lesen - wenn auch nur in einem einzigen Satz, wie Mosser erklärte. Das nun entdeckte Massengrab, das für Mitteleuropa einzigartig sei, "dürfte damit in Zusammenhang stehen". Und solche dramatischen Vorfälle könnten letztlich dazu geführt haben, dass das zuvor eher untergeordnete Lager Vindobona unter Kaiser Trajan später massiv ausgebaut wurde und zum Keim für die heutige Millionenstadt werden konnte, so die Experten.
Zum "Aha-Erlebnis", dass man es hier tatsächlich mit römischen Soldaten zu tun hat, kam man beim Betrachten einer Röntgenaufnahme eines Dolchs inklusive Dolchscheide - einem der wenigen Bei-Funde vor Ort, wie der stellvertretende Leiter der Stadtarchäologie, Christoph Öllerer, darlegte. Die Verzierungen des stark verrosteten Artefakts weisen auch eindeutig auf das späte erste Jahrhundert hin. Neben dem Dolch fand man etwa auch zwei Lanzenspitzen, Teile eines Schuppenpanzers, Schuhnägel der charakteristischen Sandalen oder eine Helmklappe, die alle "militärischen Kontext" aufweisen und "schwer römisch" aussehen, sagte Öllerer.
"Tausend Forschungsfragen" und erste Ausstellungsideen
Erste wissenschaftliche Befunde ließen darauf schließen, dass man es mit einem "welthistorischen Fund" zu tun habe, so Bunzl in einer von Superlativen geprägten Präsentation. Man haben schon "ein schlüssiges Bild von der Werdung Wiens", das durch das Massengrab eine weitere Wendung und Präzisierung erfahren dürfte, betonte Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ).
Bis allerdings die ersten größeren wissenschaftlichen Publikationen erscheinen, werden noch ein paar Monate vergehen, so die Forscherinnen und Forscher. Mit einer kleineren Ausstellung - wahrscheinlich im "Römermuseum" am Hohen Markt - könne man in etwa zwei Jahren rechnen. Bis dahin stünden DNA- oder Isotopenanalysen an, die Aufschluss über Herkunft und Ernährungsweise der Soldaten geben sollen. Der Fund aus der Hasenleitengasse eröffne jedenfalls "tausend Forschungsfragen", die man nun zusammen mit heimischen und internationalen Experten ordnen und weiterentwickeln werde, sagte Binder.
(S E R V I C E - www.wienmuseum.at/archaeologie)
Zusammenfassung
- Bei der Renovierung eines Sportplatzes in Wien wurde ein römisches Massengrab mit rund 150 Männern entdeckt, die auf heftige Kampfhandlungen hinweisen.
- Der Fund könnte die Stadtgeschichte Wiens verändern, da er in Zusammenhang mit den Donaukriegen unter Kaiser Domitian um das Jahr 92 n. Chr. steht.
- Die Überreste stammen von jungen, gesunden Soldaten zwischen 20 und 30 Jahren, die sichtbare Kampfverletzungen aufweisen.
- Historische Quellen berichten von einer verlorenen Legion um 92 n. Chr., und der Fundort ist einzigartig in Mitteleuropa.
- Erste wissenschaftliche Ergebnisse und eine Ausstellung im Römermuseum sind in den kommenden Jahren geplant, um die Herkunft und Ernährungsweise der Soldaten zu untersuchen.