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Leonie Benesch über den Film "Heldin"

Heute, 05:45 · Lesedauer 6 min

Es ist eine Tour de Force, die Leonie Benesch als Pflegefachkraft Floria im Film "Heldin" (ab heute im Kino) durchmacht. Die deutsche Schauspielerin, die mit "Das Lehrerzimmer" ihren Durchbruch feierte und auch im Oscar-nominierten "September 5" zu sehen ist, erfüllt ihre Rolle in Petra Volpes Drama mit viel Verve, aber auch enormer Genauigkeit. Mit der APA sprach Benesch über den Dreh, die gesellschaftspolitische Kraft des Kinos und ihre Erinnerungen an Michael Haneke.

APA: "Heldin" ist extrem auf Ihre Figur zugeschnitten. Wie herausfordernd war dieser Dreh für Sie?

Leonie Benesch: Ich möchte das nicht runterspielen, es gab jeden Tag Herausforderungen. Aber die Gegebenheiten waren einfach großartig. Es gab nur diese eine Location, der Drehflur war einen Stock über jenem, wo sich Maske, Kostüm und so weiter befanden. Es ist ein großer Luxus, wenn man die Drehorte nicht ständig wechseln muss. Alles so geballt an einem Ort zu haben, ist einfach sehr schön und praktisch. Das kam mir auch sehr gelegen, weil ich recht erschöpft ankam aufgrund des Jahres, das ich davor hatte. Ich habe mit Petra viel darüber gesprochen, dass dieses Maß an Erschöpfung gar nicht so unhilfreich ist für die Figur. Aber die Arbeit an sich war sehr schön, sehr friedlich und erfüllend.

APA: Wie haben Sie in die Figur und deren Gefühlslage hineingefunden?

Benesch: Das war gar nicht so schwierig, weil es ganz genau so aufgeschrieben war. Wir haben am Anfang gesagt, dass es ein sehr herausfordernder Dienst ist. Die Realität ist aber, dass dieser Dienst tatsächlich eher die Regel denn die Ausnahme ist. Ich durfte im Dezember 2023 eine Woche lang Mäuschen spielen, also mitgehen bei unterschiedlichen Schichten im Kantonsspital Baselland. Die Menschen wie Floria gibt es. Natürlich heißt der Film "Heldin", wir wollen genau das würdigen und auszeichnen. Aber es war keine große Herausforderung für mich persönlich, sondern eine schöne spielerische Aufgabe.

APA: Bei der Premiere im Rahmen der Berlinale gab es einen Protest am Roten Teppich, um auf die prekäre Situation im Pflegebereich hinzuweisen. Was kann denn ein Film wie "Heldin" in dieser Diskussion bewirken?

Benesch: Gut gemachte und wohl überlegte Filme ermöglichen, die Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen und etwas dazulernen. Richard Curtis (britischer Drehbuchautor, Anm.) hat bei den Governors Awards dieses Jahr eine sehr schöne Rede darauf gehalten, wie er durch narrativen Film beispielsweise eine Vorstellung davon bekommen hat, was die Aids-Krise bedeutet. Als Kind habe ich für bare Münze genommen, was ich auf dem Bildschirm gesehen habe. Klar, "Fluch der Karibik" oder "Gladiator" kann man finden, wie man möchte. Aber es liegt einfach eine absolut große Macht in der Form des bewegten Bildes. Wenn man diese Macht gut zu nutzen weiß beziehungsweise klug einsetzt und akkurate, intelligente, warmherzige Bilder findet, kann man durchaus in der Lage sein, ein Publikum zu beeinflussen und neue Realitäten aufzuzeigen. In diesem speziellen Fall hoffe ich, dass sich Pflegefachkräfte gesehen und wertgeschätzt fühlen.

APA: Der Film wirkt im Verlauf beinahe wie ein Thriller, der auf einen großen Knall zusteuert. Tatsächlich setzt aber eher die Erkenntnis ein: Es ist für Floria eigentlich immer Ausnahmesituation. Hat Sie dieser Realismus gereizt?

Benesch: Ja, auf jeden Fall. Die Tendenz als Laie ist natürlich zu sagen, das ist eine absolute Ausnahmeschicht, nur um dann festzustellen, dass es eine relativ normale Schicht ist. Natürlich gibt es einige überspitzte Elemente, wie den Uhren-Rauswurf. Da haben viele Pflegefachkräfte, die beratend beim Drehbuch mitgewirkt haben, gesagt: Das würden wir nie tun. Es ist natürlich ein heightened storytelling moment, der der Figur und dem Publikum Erleichterung verschafft. Aber ich glaube absolut, dass die Stärke des Buches darin liegt, sich nicht auf das erwartete Worst Case Scenario zu setzen oder das Schockierendste zu zeigen, was jemals passiert ist. Viel interessanter ist zu zeigen, was für ein krasser High-Performance-Job das in einer normalen Spätschicht ist.

APA: Was macht so eine intensive Auseinandersetzung mit einer Figur mit Ihnen als Person? Wie kommt man aus so einem Projekt wieder raus?

Benesch: Darüber denke ich gar nicht so viel nach. Diese Frage hält mich auch nicht besonders auf. Gerade bei "Heldin" haben wir bis eine Woche vor den Oscars gedreht, und dann ging es für mich nur ums Kofferpacken. Ich war noch beim Abschlussfest, war danach eineinhalb Tage in Berlin und bin dann direkt nach L.A. gefahren. Es ging also eher darum, wie die nächsten Tage aussehen und wie ich mir ein Outfit organisieren kann. Die Folge dieses Jahr 2023 und dann Anfang 2024 war, dass ich irgendwann krank geworden bin - in dem Moment, in dem ich dann Zeit hatte. Das ist auch nicht ungewöhnlich. Ich hatte aber nicht kommen sehen, wie sehr es mich emotional mitnehmen würde, weil ich so viel in der Vorbereitung damit verbracht habe, die Handgriffe zu lernen. Ich habe mich ein bisschen leer und auch recht traurig gefühlt während des Drehs. Das war aber auch den Umständen geschuldet, dass ich nur unterwegs war 2023. Da haben sich unterschiedliche Dinge vermischt.

APA: Erleichtert der Erfolg der vergangenen Jahre mit "Das Lehrerzimmer", jetzt aber auch "September 5" oder eben "Heldin" die Auswahl künftiger Projekte?

Benesch: Nach den Oscars 2024 habe ich erst mal eine Pause gebraucht und gar nicht vorgehabt zu drehen. Dann ging der Rummel mit "September 5" los. Ich möchte dazusagen, dass es der Branche extrem schlecht geht. Die Anzahl an Freunden innerhalb der Branche, die nicht arbeiten, - und damit meine ich nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern auch die anderen Gewerke - ist schon frappierend. Ich merke, dass es mir gut geht, weil ich trotzdem Drehbücher auf dem Tisch habe und Ja, Nein oder Vielleicht sagen kann. Insofern ist es momentan ein großes Privileg.

APA: Eine Ihrer ersten großen Rollen spielten Sie in Michael Hanekes "Das weiße Band". Wie viel von damals steckt denn noch in Ihnen?

Benesch: Das ist schwer zu sagen. Ich war 17, als wir das gedreht haben, und werde jetzt im April 34. Es ist bald die Hälfte meines Lebens her. Ich habe neulich mit Maria Dragus gesprochen, eine ganz großartige Kollegin, die damals auch dabei war. Wir haben festgestellt, dass uns der Dreh und vor allem die Arbeit mit Michael Haneke für immer geprägt hat. In dieser Genauigkeit und diesem Anspruch liegt etwas, das uns beiden entspricht. Das hat auch mit einem Arbeitsethos zu tun, den wir uns versucht haben beizubehalten. Aber ich bin natürlich eine sehr andere Person als vor 17 Jahren.

Zusammenfassung
  • Leonie Benesch spielt die Hauptrolle in 'Heldin', einem Film über die Herausforderungen im Pflegebereich, der heute im Kino startet.
  • Die Dreharbeiten fanden an einem zentralen Ort statt, was den Prozess für die erschöpfte Benesch erleichterte.
  • Bei der Premiere im Rahmen der Berlinale gab es Proteste, um auf die prekäre Situation im Pflegebereich hinzuweisen.
  • Benesch betont die Macht des Kinos, gesellschaftliche Themen sichtbar zu machen und Diskussionen anzuregen.
  • Der Erfolg von Filmen wie 'Das Lehrerzimmer' und 'September 5' erleichtert Benesch die Auswahl zukünftiger Projekte.