Fulminanter Roman: Katharina Köller lässt es "Wild wuchern"
Marie ist auf der Flucht. In einer hoch dramatischen Eröffnungsszene, die jedem Thriller Ehre machen würde, kämpft sie sich in der einbrechenden Dunkelheit einen Berghang hoch. Sie hat Angst vor ihrem Verfolger, vor den wilden Tieren, die im Wald auf sie lauern, und davor, dass sie ihr Ziel aufgrund mangelhafter Ausrüstung nicht schaffen könnte. Sie ist nämlich, so stellt sich allmählich heraus, Hals über Kopf aufgebrochen, geflüchtet aus der toxischen Beziehung zu ihrem Ehemann Peter, der sie regelmäßig verbal wie körperlich zu attackieren und zu erniedrigen pflegt. Nur ein paar Designer-Klamotten und Schminksachen hat sie zusammengerafft und ist zum Bahnhof. Sie wollte nach Italien abhauen. Doch sie entscheidet sich anders.
Marie, die als hübsches Kind von allen als "Goldmarie" behandelt wurde und sich nach den bisherigen Erfahrungen ihres Lebens mehr als "Pechmarie" sieht (Anspielungen an Märchen ziehen sich immer wieder unübersehbar durch das Buch, ja "Wild wuchern" ist eigentlich selber eines), hat sich nämlich an ihre Cousine Johanna erinnert. Mit ihr war sie einst eng befreundet, ehe sie sich vor Jahren zunehmend der Sprache und schließlich auch dem Zusammenleben mit anderen verweigerte und seither zurückgezogen wie eine Eremitin auf einer entlegenen Tiroler Almhütte lebt. Zu ihr möchte sie.
Es ist bereits Nacht, als die beiden, die einander Jahre nicht mehr gesehen haben, einander im Stockfinstern gegenüberstehen. "Man kann nicht sagen, dass wir uns ansehen, dafür ist es zu dunkel. Oder zumindest ich kann sie nicht ansehen, sie hat ja vielleicht Katzenaugen. Man kann aber sagen, dass wir uns anspüren, also ohne Sehen, aber mit Fühlen." Es sind Sätze wie diese, die zeigen, dass Köller, die 2020 ihren Debütroman "Was ich im Wasser sah" veröffentlichte, die Suche ihrer Protagonistin nach Innehalten, Orientierung und Verständnis mit der Suche nach den richtigen Worten begleitet. Was umso wichtiger ist, als in dem Buch wenig gesprochen wird.
Souveränes Spiel mit Sprache und Spannung
Johanna ist abweisend und wortkarg. Und der Versuch des ungebetenen Gastes, einen Kontakt zu der ihr früher eng Verbundenen wieder herzustellen, ist mühsam und läuft über viel schwere Almarbeit, mit der sich Marie unentbehrlich oder zumindest willkommen zu machen versucht. Gleichzeitig ist klar, dass am Ende der Annäherung dieser beiden Frauen auch die Lösung der Fragen stehen muss, die dem Leser seit Beginn durch den Kopf gehen: Was konkret hat Marie aus ihrer gesicherten Existenz ausbrechen lassen? Was hat Johanna die Sprache verschlagen und in die Bergeinsamkeit getrieben? Welche Dramen stecken dahinter?
Katharina Köller, 1984 in Eisenstadt geboren und heute mit ihrer Familie in Innsbruck lebend, hat den Roman aus ihrem gemeinsam mit Sandra Pascal geschriebenen Theaterstück "Windhöhe" entwickelt, bei dem sie selbst die Marie gespielt hat. Sie versteht es nicht nur sprachlich, sondern auch dramaturgisch zu überzeugen und die Spannung geschickt aufzubauen. Obwohl sich das Meiste im Kopf der Hauptfigur abspielt und das Höchste an äußerer Dramatik ein schweres Gewitter ist, erzeugt "Wild wuchern" einen tragödienhaften Sog, bei dem man unbedingt wissen möchte, ob das, was man ahnt, tatsächlich dahintersteckt.
Was einem am Ende erwartet, darf natürlich keinesfalls verraten werden. Nur so viel: Die 200 Seiten des Buches sind rasch verschlungen. Und bieten ein außergewöhnliches Leseerlebnis.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Katharina Köller: "Wild wuchern", Penguin Verlag, 208 Seiten, 22,70 Euro; Buchpremiere am 13.3., 19 Uhr, im Konzertcafé Schmid Hansl, Wien 18, Schulgasse 31)
Zusammenfassung
- Katharina Köllers neuer Roman 'Wild wuchern' wird von der Autorin Mareike Fallwickl als feministisch und außergewöhnlich gelobt und umfasst 208 Seiten.
- Im Mittelpunkt steht Marie, die aus einer toxischen Beziehung flieht und Zuflucht bei ihrer wortkargen Cousine Johanna auf einer Tiroler Almhütte sucht.
- Der Roman, der auf einem Theaterstück basiert, überzeugt durch seine sprachliche und dramaturgische Stärke und bietet ein intensives Leseerlebnis.