Abgründiges Happy End: Die verschleppten ukrainischen Kinder
Zumeist sind es Szenen mit unmittelbaren Kriegshandlungen oder Kriegsschäden sowie Auftritte von kommentierenden Politikern, die diese größte militärische Konfrontation in Europa seit 1945 repräsentieren. Deutlich seltener wird der Fokus auf das Schicksal von "kleinen Menschen" gerichtet, die einfach so in die Mühlen des Kriegs geraten sind. Dabei können gerade diese Geschichten von besonderer Relevanz sein: Der russische Präsident Wladimir Putin und seine Kinderrechtsbeauftragte Marija Lwowa-Belowa finden sich seit März 2023 nur deshalb auf einer Fahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofs, weil es als Kriegsverbrechen gilt, Kinder aus besetzten Gebieten der Ukraine nach Russland zu verbringen. Die Rede war 2023 von zumindest 20.000 Fällen, McCarthys Doku, eine britisch-ukrainische Produktion, beschäftigt sich mit zwei betroffenen Familien.
Nach einem Film über drei der letzten Kinder aus Russland, die vor einem umstrittenen russischen Verbot noch von Adoptiveltern in den USA adoptiert werden konnten sowie einem weiteren über eine russische Oppositionelle, der untersagt wurde, sich von ihrer sterbenden Tochter zu verabschieden, sei dies bereits ihr dritte Doku darüber, wie das Putin-Regime die Trennung von Eltern und Kindern als Waffe instrumentalisiere, erzählt McCarthy im Gespräch mit der APA.
"Sobald ich gesehen hatte, dass der Strafgerichtshof nach Putin fahndet, begann ich, nach Institutionen zu suchen, die diese Kinder unterstützen", sagt die Regisseurin, die an einem paradiesisch wirkenden Ort in Estland fündig wurde: In einem Wald am Meer betreibt hier der estnische Verband für Therapiehunde ein Rehabilitationszentrum, in dem McCarthy einen zehntägigen Aufenthalt von mit ihren Familien wiedervereinigten Kindern aus der Ukraine drehen konnte. Die verantwortliche Psychiaterin habe dabei strikte Vorgaben gemacht, nötig sei freilich auch die Zustimmung aller Involvierten gewesen, berichtet McCarthy. Und Filme mit Kindern seien immer eine delikate und sensible Angelegenheit, sie habe jedoch Erfahrung.
Kontraste zwischen estnischer Idylle und russischen Erlebnissen
Der ruhig montierte, 80-minütige Dokumentarfilm lässt dabei auch in der estnischen Idylle immer wieder Abgründe durchscheinen - McCarthy setzt inhaltlich bewusst auf Kontraste: Während die neunjährige Sascha und ihre zwei Geschwister wenig über die Trennung von ihrem alleinerziehenden Vater Jewhenij berichten, erzählt der in seiner Heimatstadt Mariupol von russischen Besatzungsbehörden festgenommene Unternehmer, dass ihn seine nach Moskau verbrachten Kinder nach 45 Tagen Internierung einfach nicht mehr erkannt hätten.
Weronika aus einem am ersten Kriegstag besetzten Dorf an der Grenze zu Russland berichtet indes, wie sie vom russischen Geheimdienst FSB in ein Waisenhaus gebracht wurde und nun Probleme hat, echte Freude zu erleben. Nachdem sogar der UN-Sicherheitsrat mit ihrem Fall befasst worden war, konnte die damals 14-Jährige 2023 von ihrer Großmutter Wira in Russland abgeholt werden. Sie habe ihre vormals so lebensfrohe Enkelin zunächst gar nicht mehr erkannt, sagt Wira, die angesichts des Kriegs in der Heimat auch in Estland nicht relaxen kann.
Verschleppte Weronika will Menschenrechtsanwältin werden
"Sie sind unglaublich widerstandsfähige und starke Kinder, die etwas Furchtbares durchlebt haben, aber die Kraft, Intelligenz und den Humor haben das zu überwinden und ihre Leben zu leben", ist Regisseurin McCarthy voll des Lobes für ihre Protagonistinnen. Weronika wolle nach einer Zeugenaussage vor dem Internationalen Strafgerichtshof nun internationale Menschenrechtsanwältin werden und wisse auch, wie sie das schaffen könne, berichtet die Regisseurin. Freilich, die porträtierten Kinder und ihren Familien zählen zu den relativ wenigen bekannten Beispielen von verschleppten ukrainischen Kindern mit vergleichsweise Happy End. In Tausenden weiteren Fällen ist es dazu bisher nicht gekommen.
(Das Gespräch führte Herwig Höller/APA)
Zusammenfassung
- Der Dokumentarfilm 'After the Rain: Putin's Stolen Children Home' von Sarah McCarthy beleuchtet die Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland, mit mindestens 20.000 Fällen im Jahr 2023.
- Der Internationale Strafgerichtshof sucht seit März 2023 nach Putin wegen dieser Kriegsverbrechen, während McCarthys Film das Schicksal von zwei betroffenen Familien und die Rückkehr der Kinder zeigt.
- Weronika, eines der betroffenen Kinder, will Menschenrechtsanwältin werden und ist ein Beispiel für die Widerstandsfähigkeit der Kinder, die in einem estnischen Rehabilitationszentrum Unterstützung fanden.