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Bürgermeister in Haft

Istanbul: Hunderttausende bei Protesten

29. März 2025 · Lesedauer 4 min

In der Türkei haben sich am Samstag zu den Protesten der Opposition in Istanbul gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan hunderttausende Menschen versammelt. Die Menschen kamen auf der asiatischen Seite der Bosporus-Metropole zusammen, um nach der Inhaftierung des Bürgermeisters Ekrem Imamoglu für den Erhalt der Demokratie in der Türkei zu demonstrieren.

Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Özgur Özel, sprach von mehr als zwei Millionen Teilnehmern.

Unter dem Jubel der Demonstranten wurde ein Brief von İmamoğlu vorgelesen. "Ich habe keine Angst, ihr steht hinter mir und an meiner Seite", hieß es darin. "Ich habe keine Angst, weil die Nation vereint ist. Die Nation ist vereint gegen den Unterdrücker."

"Taksim ist überall, Widerstand ist überall", riefen die Regierungsgegner in Anspielung an die regierungskritischen Massenproteste auf dem gleichnamigen Platz in Istanbul im Jahr 2013. Sie sei heute auf der Straße, um für ihre Heimat zu kämpfen, sagte die 17-jährige Demonstrantin Melis Basak Ergun.

"Wir, das Volk, wählen unsere Herrscher", fügte sie hinzu. Die Protestierenden würden sich niemals von "Gewalt oder Tränengas" abhalten lassen. "Wir stehen hinter unserem Bürgermeister, Imamoglu", sagte Ergun. Auch Imamoglus Ehefrau Dilek, die Kinder des Paares und die Eltern des Politikers waren unter den Demonstranten in Istanbul.

Die Führung der CHP will die Proteste so lange fortsetzen, bis eine vorgezogene Präsidentschaftswahl angesetzt wird oder İmamoğlu freikommt. Am Freitag gab es bereits den zehnten Abend in Folge Demonstrationen in etlichen Städten.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Proteste als "Show" abgetan, vor rechtlichen Konsequenzen gewarnt und die CHP aufgefordert, die Türken nicht weiter zu provozieren.

Demos in etlichen Städten

Am Freitag gab es bereits den zehnten Abend in Folge Demonstrationen in etlichen Städten. CHP-Chef Özel warnte vor der Abschaffung der Demokratie in der Türkei. Er sei bereit, "acht, zehn Jahre im Gefängnis zu verbringen", sagte er im Interview mit der französischen Zeitung "Le Monde".

Denn sollten die Proteste jetzt nicht fortgesetzt werden, werde Erdoğan dafür sorgen, dass es bald keine ernstzunehmenden Wahlen mehr in der Türkei gebe, warnte Özel. Er kündigte regelmäßige Proteste an - "jeden Samstag in einer türkischen Stadt" und jeden Mittwoch in Istanbul.

İmamoğlu selbst schrieb in einem Gastbeitrag für die "New York Times", unter Erdoğan habe sich die Türkei in eine "Republik der Angst" verwandelt. Doch trotz - oder gerade wegen - der Repressionen gegen Regierungskritiker leisteten die Menschen auf den Straßen beharrlich Widerstand.

"Ich bin auf der Seite unserer jungen Leute und bewundere ihren Mut. Sie sind im Begriff, Geschichte zu schreiben", schrieb İmamoğlu .

Seit 19. März inhaftiert

Der 53-Jährige wird zurzeit im bekannten Marmara-Gefängnis in Silivri nahe Istanbul festgehalten. Der beliebte Oppositionspolitiker war am 19. März unter Verweis auf Korruptionsvorwürfe inhaftiert und später als Bürgermeister abgesetzt worden.

Parallel laufen Ermittlungen wegen angeblicher Terrorunterstützung gegen ihn.

1.900 Festnahmen

Laut türkischem Innenministerium wurden seit Beginn der Proteste fast 1.900 Menschen festgenommen, unter ihnen mehrere Journalisten. 260 Menschen wurden verhaftet. Der Polizei werden vonseiten der Opposition Foltervorwürfe gemacht. In einer ersten Anklageschrift fordert die Istanbuler Staatsanwaltschaft bis zu drei Jahre Haft für 74 der Demonstranten wegen der Teilnahme an verbotenen Versammlungen, wie der Staatssender TRT berichtet.

Die meisten der Festgenommenen sind Anwälten zufolge Studenten. Aber auch Journalisten sind darunter, etwa der Schwede Kaj Joakim Medin, ein Mitarbeiter der Zeitung "Dagens ETC", der wegen Terrorvorwürfen verhaftet wurde.

Zusammenfassung
  • Hunderttausende Menschen versammelten sich in Istanbul, um gegen die Inhaftierung des Bürgermeisters Ekrem Imamoglu zu protestieren, während die größte Oppositionspartei CHP mehr als zwei Millionen Teilnehmer meldete.
  • Die Proteste, die seit zehn Tagen andauern, fordern entweder vorgezogene Präsidentschaftswahlen oder die Freilassung Imamoglus, der unter Korruptionsvorwürfen im Marmara-Gefängnis festgehalten wird.
  • Imamoglu kritisierte in einem Gastbeitrag die Regierung unter Erdogan als 'Republik der Angst' und lobte den Mut der jungen Protestierenden, die trotz Repressionen Widerstand leisten.