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Digitale Schule mit Unterrichtsmethoden des 18. Jahrhunderts

Heute, 03:02 · Lesedauer 4 min

Kinder und Jugendliche bekommen derzeit zu wenig Unterstützung dabei, einen vernünftigen Umgang mit digitalen Medien zu erlernen, sagt der Lehrer und Digitalisierungsexperte Patrick Thalhammer. Es bekommen zwar alle Schüler der 1. Klasse AHS oder Mittelschule einen Laptop oder ein iPad, das Lehrpersonal wisse aber viel zu wenig über den sinnvollen Einsatz. "Wir haben die technischen Unterrichtsmittel des 21. Jahrhunderts, aber teilweise noch die Unterrichtsmethoden des 18."

Ungeeignete Arbeitsaufträge, die die Jugendlichen langweilen oder zu schnell gelöst werden können, können etwa dazu führen, dass Online-Games gespielt statt Aufgaben gelöst werden. "Das iPad nur zu Recherchezwecken zu nutzen, wird relativ schnell fad", so Thalhammer im Gespräch mit der APA. Vielen Lehrerinnen und Lehrern sei auch gar nicht klar, wie sie steuern können, auf welche Seiten die Jugendlichen auf ihren Schülerlaptops während des Unterrichts zugreifen können.

All das habe nichts mit Unwillen des Lehrpersonals zu tun, betont er. Es gebe einfach kaum Fortbildungen zu diesen Themen an den Pädagogischen Hochschulen und für Schulungen bei externen Anbietern sei kein Geld vorgesehen. Dazu komme, dass die Lehrer durch Bürokratie und immer forderndere Klassen ohnehin schon am Limit seien und auch kaum noch mit den digitalen Interessen der Schülerinnen und Schüler mitkämen, weil diese sich so rasant ändern.

Außerdem seien Digitalprojekte, bei denen die Jugendlichen wichtige Kompetenzen für ihre Zukunft erlernen, oft zeitaufwendig und die Lehrer müssten sich dafür trauen, andere Inhalte wegzulassen. Die Lehrpläne würden hier aber viel Spielraum lassen. "Wir müssen uns auf die Dinge festlegen, die uns als Menschen von der Maschine abheben", betont Thalhammer. Kunst, Kultur, Musik und Sport etwa würden künftig mehr Gewicht haben müssen. "Ich muss wissen, wie ich an Wissen komme und was ich damit machen kann, und nicht, wann die Schlacht von Issos war."

Zugang zu digitalen Geräten ohne Regeln "fahrlässig"

Auch die Eltern sieht Thalhammer bei der digitalen Erziehung gefordert. Den Kindern und Jugendlichen ungeregelt und unbegleitet Zugang zu Mobiltelefon oder Tablet zu geben, wie das heute oft geschehe, ist für ihn "fahrlässig". "Wir hätten früher die Kinder auch nicht in der Videothek hinter den schwarzen Vorhang geschickt."

Es sei Aufgabe der Eltern, Grenzen und Spielregeln bei Nutzungszeit und Inhalten vorzugeben - und zwar vom ersten Moment an."Sonst gibt es kein Zurückhalten mehr und dann haben wir Probleme wie Handy- oder Internetsucht, wo man die Kinder nicht mehr vom digitalen Endgerät wegbekommt." Die Selbstkontrolle im Gehirn bei Kindern und Jugendlichen ist noch nicht so weit entwickelt wie bei Erwachsenen. Dazu kommt: "Die Mechanismen in manchen Apps schießen in dieselben Rezeptoren wie Glücksspiele."

Trotzdem ist Thalhammer ein Gegner davon, den Kindern erst möglichst spät Zugang zu den Geräten zu gewähren. Ihnen begleitet wichtige Grund- und Umgangsregeln mit den Geräten beizubringen, brauche nämlich seine Zeit und Vertrauen sei bei Abmachungen zum Digitalkonsum die wichtigste Währung. Bei den meisten Kindern und Jugendlichen würde er zusätzlich auch technische Barrieren wie Zeitbeschränkungen, App-Sperren oder Familienfreigabe empfehlen.

Weiterbildungsbedarf auch bei Eltern

Dafür müssten Eltern sich aber ebenso weiterbilden. Immerhin würden die meisten die Geräte selbst nutzen, ohne sie zu verstehen. Viele hätten außerdem selbst einen komplett unregulierten Umgang damit, berichtet der Pädagoge etwa von Eltern, die beim Elternsprechtag während des Gesprächs ihre Nachrichten abrufen. Dabei sei die Vorbildwirkung bei der Mediennutzung ein essenzieller Punkt. Aktuell gibt es etwa im Rahmen der "Digitalen Bildungswochen" kostenlose Fortbildungen zum Thema.

Wenn man früh genug gemeinsam mit den Kindern einen gesunden Umgang mit digitalen Medien erarbeite, könne man später auch auf gewisse Regeln verzichten, weil die Kinder verstanden haben, um was es geht, zeigt sich Thalhammer überzeugt. "Momentan können wir wahrscheinlich nur mit Verboten arbeiten, weil wir es verschlafen haben." In diesem Kontext sieht Thalhammer auch das ab 1. Mai geltende Handyverbot für Schüler bis zur 8. Schulstufe. "Es ist der Versuch, etwas, das man nicht versteht oder nicht genau kontrollieren kann, mit einem Verbot zu belegen." Gleichzeitig seien die Auswirkungen ohnehin überschaubar.

(S E R V I C E - Digitale Bildungswochen, noch bis 17. April unter https://go.apa.at/k1bWoeVM)

Zusammenfassung
  • Patrick Thalhammer kritisiert, dass Lehrer trotz moderner Technik wie Laptops und iPads oft noch mit veralteten Unterrichtsmethoden arbeiten, da es an Fortbildungen fehlt.
  • Eltern sollten aktiv bei der digitalen Erziehung ihrer Kinder mitwirken und klare Regeln für die Nutzung von Smartphones und Tablets aufstellen, um Suchtverhalten zu vermeiden.
  • Das ab 1. Mai geltende Handyverbot für Schüler bis zur 8. Schulstufe wird als Versuch gesehen, die Kontrolle über den digitalen Konsum der Schüler zu bewahren.