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Erster Universaltest auf Arbeitssucht konzipiert

02. Apr. 2025 · Lesedauer 4 min

Die Psychologie besitzt jetzt einen praktisch weltweit validierten Test auf mögliche Arbeitssucht. Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit Beteiligung von Grazer Experten haben ein einfaches Messinstrument mit fünf Fragenkomplexen über 85 Kulturen hinweg und auf sechs Kontinenten speziell auf Arbeitssucht erfolgreich erprobt. Knapp 20 Prozent der getesteten Erwerbstätigen hatten ein hohes Workaholic-Risiko.

"Trotz der bedeutenden Fortschritte in der wissenschaftlichen Erforschung der Arbeitssucht im vergangenen Jahrzehnt steht dieser Forschungsbereich noch immer vor einer grundlegenden Herausforderung: der Notwendigkeit des Schaffens eines zuverlässigen Messinstruments, das kulturübergreifende Gültigkeit besitzt und somit weltweite Studien zu diesem Phänomen ermöglicht", schrieben jetzt Edyta Charzynska vom Institut für Psychologie der Universität Kattowitz (Katowice) in Polen und ihre weltweit Dutzend Co-Autoren, unter ihnen Bettina Kubicek (Institut für Psychologie der Universität Graz), im Journal of Behavioral Addictions (doi: 10.1556/2006.2025.00005).

Der Hintergrund: Um einem psychologischen Problem nachgehen zu können, benötigen Wissenschaft und die mit Betroffenen klinisch Tätigen einen möglichst einfachen, an einer großen Personengruppe auf seine Wertigkeit untersuchten Test. Damit sollen Gefährdete erkannt und ihre Probleme nach ihrer Schwere eingeschätzt werden können. Bei der Arbeitssucht sind das definitionsgemäß Erwerbstätige, wobei international die kulturellen Umstände der Arbeitswelt natürlich in vielen Aspekten großen Unterschieden unterliegen. Ein Test für internationale Vergleichsstudien sollte aber über diese "Grenzen" hinweg - auch über Sprachgrenzen hinweg - funktionieren.

Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter gingen von einem ersten Katalog mit 16 Fragen aus, der für die Suchtforschung entwickelt worden ist. Er wurde dann mit Messungen zu Arbeitsstress, Arbeitszufriedenheit und zum Ausmaß des Selbstwertgefühls bei einer Gesamtstichprobe von 31.352 Arbeitnehmern aus sechs Kontinenten und mit 85 Kulturen abgefragt. Das Durchschnittsalter der Probanden war 39,24 Jahre, sie stammten aus sechs Kontinenten und hatten 85 verschiedene kulturelle Bezugspunkte. Daraus wurde wiederum mit Reduktion auf die wesentlichsten Themen eine Internationale Arbeitssucht-Skala (International Work Addiction Scale; IWAS) in zwei Varianten von sieben und fünf Fragen destilliert. Die siebenteilige Skala brachte gleichermaßen gültige Aussagen für 81 "Kulturen", noch besser war die fünfteilige Skala, die für alle Probandengruppen aussagekräftige Informationen zeigte.

"Die IWAS ist eine valide, verlässliche und kurze Screening-Skala, die in verschiedenen Kulturen und Sprachen eingesetzt werden kann und vergleichbare und generalisierbare Ergebnisse liefert. Die Skala kann weltweit im klinischen und organisatorischen Umfeld eingesetzt werden, wobei IWAS-5 für die meisten praktischen und klinischen Situationen empfohlen wird. Dies ist die erste Studie, die Daten liefert, welche die Hypothese stützen, dass Arbeitssucht ein weltweit verbreitetes Phänomen ist", schrieben die Wissenschafter. Die Genauigkeit der Untersuchungsmethode liege bei 96 Prozent.

Ein Fünftel der Erwerbstätigen mit hohem Risiko

Und so sieht der Test aus: Die Fragen sollen jeweils auf einer Punkteskala von Eins bis Fünf für die Erfahrungen in den vorangegangenen zwölf Monaten beantwortet, die Punkte schließlich zusammengezählt werden (1 = "nie", 2 = "selten", 3 = "manchmal", 4 = "oft" und 5 = "immer").

Die Fragenkomplexe:

- War es Ihnen unmöglich aufzuhören, an die Arbeit zu denken (z.B. Gedanken an die Arbeit in der Freizeit, im Urlaub oder in der Nacht?)

- Haben Sie gearbeitet, um Gefühle von Schuld, Angst, Hilflosigkeit oder depressive Gefühle zu verringern?

- Haben Sie bereits versucht, Ihr Arbeitspensum zu reduzieren und sind dabei gescheitert?

- Haben Sie andere Dinge zugunsten Ihrer Arbeit vernachlässigt (die eigene Familie, Freundschaften, Hobbys oder Freizeit insgesamt)?

- Haben Sie schon so viel gearbeitet, dass sich das negativ auf Ihre Gesundheit ausgewirkt hat?

Aus der Umfrage bei den mehr als 31.000 Probanden weltweit zeigten sich bezüglich der Arbeitssucht unter anderem folgende Ergebnisse: Nach dem fünfteiligen Fragebogen hatten 40 Prozent der Erwerbstätigen ein niedriges Risiko, 40,9 Prozent wiesen eine mittlere Gefährdung für Arbeitssucht auf. Fast ein Fünftel, exakt 19,1 Prozent, hatten bereits ein hohes Risiko (Punktezahlen summiert: im Durchschnitt 8,32 Zähler bei leichter, 14,6 Punkte bei mittlerer Gefährdung und 19,2 Punkte in der Kategorie eines hohen Risikos).

Zusammenfassung
  • Ein neuer, weltweit validierter Test zur Erkennung von Arbeitssucht, entwickelt mit Grazer Beteiligung, zeigt, dass knapp 20 Prozent der getesteten Erwerbstätigen ein hohes Risiko aufweisen.
  • Der Test basiert auf einer fünfteiligen Skala und wurde an 31.352 Arbeitnehmern aus 85 Kulturen erprobt, wobei die Genauigkeit der Methode bei 96 Prozent liegt.
  • Die Ergebnisse verdeutlichen, dass 40 Prozent ein niedriges Risiko und 40,9 Prozent ein mittleres Risiko für Arbeitssucht haben.