Proteste in Gaza
Bröckelt Hamas-Herrschaft? "Haben nichts mehr zu verlieren"
Sie skandierten "die Hamas vertritt uns nicht" und grölten: "Hamas raus!" Vor einer Woche demonstrierten Hunderte, zwischenzeitlich gar Tausende, drei Tage lang im Gazastreifen gegen die Herrschaft der Hamas und den Krieg. Am Mittwoch gingen im Norden des Gazastreifens erneut Menschen auf die Straße. Sie forderten den Rückzug der Islamistenorganisation.
Da Israel die zweimonatige Waffenruhe vor zwei Wochen mit Luftschlägen beendete, taten sich Oberhäupter von Familien und Aktivisten zusammen. Sie wollen die Gebiete im Norden des Gazastreifens wegen der israelischen Bombardements nicht erneut verlassen, waren sie doch erst kürzlich zurückgekehrt. Sie sind müde vom Krieg.
Es sind Augenzeugen zufolge die größten Proteste seit Kriegsbeginn. Ein Kipppunkt, wie Zaid L. (Name von der Redaktion geändert) PULS 24 erzählt. Zaid stammt aus Gaza-Stadt und lebt seit 2016 in Österreich. Seine Familie lebt nach wie vor in der Hauptstadt des Küstenstreifens. Er selbst wurde dreimal von der Hamas festgenommen. Er will aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.
Menschen "haben nichts mehr zu verlieren"
Die Menschen "wollen nicht mehr", "sie wollen ein normales Leben", weiß Zaid. Sie demonstrieren gegen die Hamas-Anführer, die etwa in Katar im Luxus leben. Wie es der eigenen Bevölkerung ergehe, interessiere sie nicht, so die Vorwürfe der Protestierenden.
"Sie haben nichts mehr zu verlieren. Sie haben schon alles verloren"
Denn die Bedingungen verschlechtern sich. Lebensmittel sind begrenzt und ein teures Gut. Für Familien mit teils vier Kindern, wie es im Küstenstreifen üblich ist, sind die Kosten nicht zu stemmen, so Zaid. Seit Anfang März blockiert Israel die Zufuhr von Nahrungsmitteln und Hilfsgütern in den Gazastreifen, was auch die medizinische Versorgung erschwert.
Auch bei sauberem Trinkwasser gibt es Engpässe. Die Häuser in Gaza-Stadt liegen in Trümmern. "Ich habe 12 Onkel. Nur das Haus meines Vaters und das Haus meines Großvaters stehen noch", erzählt er.
Die Menschen hätten "nichts mehr zu verlieren". "Sie haben schon alles verloren", so der Palästinenser. "Es gibt niemanden aus Gaza-Stadt, der nichts verloren hat".
Gleichzeitig scheint die Hamas an Macht zu verlieren. "Früher war die Hamas so stark, jetzt hat sie nicht mehr so viel Kraft in der Gesellschaft", weiß Zaid. Viele Hamas-Terroristen und -Anführer wurden bei israelischen Angriffen seit Beginn des Krieges getötet. Der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet, hört er von seinen Bekannten. Die Verzweiflung wächst.
Protest mit Sprengkraft?
Schon am Dienstag, als in Beit Lahia und Jabalia im Norden des Gazastreifens die ersten Palästinenser auf die Straße gingen, bemühte sich die Hamas, die Proteste herunterzuspielen.
Sie seien "fremdgesteuert", von Israel oder der Palästinenserbehörde, sagten sie. Die Menschen hätten das Recht, ihr Leid aufgrund des Krieges durch Proteste auszudrücken, so ein Hamas-Sprecher laut Medienberichten. Dass die Demonstranten sich auch gegen die Hamas richteten, sprach er nicht an.
Zunächst war die Terrorgruppe nur stellenweise gegen die Demonstranten vorgegangen. Auch in den Jahren 2011, 2019 und 2023 gab es größere Proteste, die Hamas hatte sie aber stets brutal niedergeschlagen, Aktivisten gequält, gefoltert und getötet.
Ob die aktuellen Proteste nun tatsächlich eine Zäsur sind? Für vergangenen Freitag waren erneut Proteste angekündigt. Dieses Mal reagierte die Hamas. Sie machte klar, dass sie Gegendemonstranten auf die Straße schicken würden. Sie bedrängten Teilnehmer. Laut "Spiegel" hätten Aktivisten davon gesprochen, dass Hamas-Terroristen drohten, Demonstranten nach Ende des Krieges zu bestrafen.
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Am Montag schockte dann der Fall des 22-jährigen Aktivisten Odai Nasser Saadi Al-Rubai. Er soll von den Hamas entführt, zu Tode gefoltert und seine Leiche anschließend vor das Haus seiner Familie gelegt worden sein, sagte der Vater des Getöteten auf Facebook. Der 22-Jährige soll die Proteste mitorganisiert haben. Er ist nicht der einzige Aktivist, der laut Berichten im Zuge der Proteste hingerichtet wurde.
Seit die Hamas 2007 die Kontrolle über den Gazastreifen übernahm, geht sie brutal gegen Kritiker vor. Die Ermordung von Aktivisten wie Saadi Al-Rubai soll wohl vor weitere Proteste im Keim ersticken.
"Die Welt muss wissen: Wir haben nichts mit diesem Konflikt zu tun"
Israel erhöht Druck
Aber dennoch: Der Druck wächst, vor allem der militärische aus Israel. Das zeigt sich wohl auch darin, dass die Hamas der Freilassung von fünf Geiseln am Wochenende zustimmte. Israels rechter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sieht sich durch die Proteste gestärkt.
Am Mittwoch kündigte Israels Verteidigungsminister Israel Katz auch an, Gebiete im Gazastreifen erobern zu wollen, die zu israelischen "Sicherheitszonen" werden sollen.
Hamas
Die Hamas, die einen militärischen sowie einen zivilen Flügel hat, regiert den Gazastreifen seit 2007. Damals besiegte sie die rivalisierende Partei Fatah bei Wahlen und vertrieb die Palästinensische Autonomiebehörde anschließend gewaltsam. Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüder und wurde 1987 gegründet. Die Hamas glaubt, dass ein palästinensischer Staat nur möglich ist, wenn Israel nicht existiert.
"Haben nichts mit diesem Konflikt zu tun"
Die Menschen im Gazastreifen wollen weder den Krieg, noch die Unterdrückung durch die Hamas, erzählt Zaid weiter. Am Mittwoch gab es erneut große Proteste im Norden des Gazastreifens. Der Protest zwischen Ruinen der Stadt Beit Lahia richtete sich auch gegen US-Pläne zur Umsiedlung der Menschen. Sie wollen kein Spielball zwischen Israel, den USA oder der Hamas sein.
"Sie wollen einfach normal leben können", sagt Zaid L. PULS 24. Die Kinder können nicht zur Schule gehen. Es brauche humanitäre Hilfe, sauberes Wasser und ein Ende des Hungers.
Mit den Protesten hätten sie zeigen wollen, "dass wir nichts mit diesem Konflikt zu tun haben", erklärt er. "Die Menschen wollen ihre Rechte", denn: "Sie verlieren ihre Zukunft".
Israels Krieg gegen die militant-islamistische Hamas forderte mehr als 50.000 Menschenleben im Gazastreifen. Bei dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wurden 1.200 Menschen getötet und 251 in den Gazastreifen verschleppt. Nach Angaben der UN haben über 90 Prozent der zwei Millionen Einwohner in Gaza ihr Zuhause verloren.
Zusammenfassung
- Vergangene Woche gab es erstmals seit langer Zeit Proteste gegen die Hamas im Gazastreifen.
- Die Menschen handeln aus Verzweiflung, erzählt ein in Österreich lebender Palästinenser PULS 24.
- Die Zeiten haben sich verändert, die Bedingungen sind schlechter, die Hamas geschwächt.