Wohlfühl-Konsum kann in Notzeiten wie Lockdowns helfen
Ungesundes gerade dann, wenn die Verzweiflung, der Stress oder auch die Einsamkeit besonders groß sind? Das scheint naheliegend. Aber die Wissenschafterin der Universität Wien kam mit Kolleginnen und Kollegen kürzlich in einer Studie zu einem gegenteiligen Resultat: Genussmittel wie "süßes, salziges oder üppiges", also quasi geschmacksintensives Essen oder auch Fernsehen kamen eher zum Einsatz, um eine bereits vorhandene gute Stimmung zu untermauern. Eine "schöne Botschaft" der Studie ist für Silani: "Manche Belohnungsstrategien können uns in schwierigen Zeiten eben auch helfen, ein Wohlbefinden zu wahren. Wir sollten daher einen zeitlich begrenzten Überkonsum - man trinkt etwas mehr, man isst etwas mehr ungesundes Essen - nicht dämonisieren", so Silani vom Institut für Klinische und Gesundheitspsychologie der Uni Wien.
Natürlich solle zwar niemand zum Genuss von mehr Fast Food, mehr Alkohol oder mehr Zigaretten angehalten werden, um glücklich zu sein. Aber: "Letztlich scheint es doch etwas sehr Natürliches zu sein: Im Lockdown wird einem bewusst, dass man nicht viel dagegen tun kann - also warum sich nicht mit anderen austauschen, gemeinsam Serien schauen oder online spielen - oder eben auch mehr Ungesundes konsumieren?"
Im Rahmen einer früheren Studie hatten die Wiener Psychologinnen und Psychologen bereits zeigen können, dass acht Stunden Alleinsein zu einem ähnlichen Erschöpfungs- und Müdigkeitsgefühl führen wie Nahrungsentzug. Hier flossen bereits Daten aus einer größeren Feldstudie aus der Zeit des ersten Lockdowns ein. In dem von Silani und Postdoc Ana Stijovic geleiteten, aktuellen Projekt sammelte man im ersten Lockdown im Jahr 2020 von rund 800 erwachsenen Teilnehmern - schwerpunktmäßig aus Österreich, aber auch aus Deutschland und Italien - an sieben aufeinanderfolgenden Tagen mehrmals täglich, über eine App Informationen ein: über die momentane Stimmung, den Wunsch nach Dingen wie etwa "süßem, salzigen oder üppigen Essen", Zigaretten oder anderen Tabakprodukten, sexueller Aktivität, TV-Serien oder -Filme und auch Alkohol.
Wenn die an der Studie teilnehmenden Personen nach eigener Einschätzung gut gestimmt waren und mehr Austausch mit anderen (z.B. virtuell, telefonisch) hatten, konsumierten sie auch mehr "Comfort Food", verbrachten zur Ablenkung mehr Zeit vor dem Bildschirm, oder rauchten und tranken mehr. Dieser Genuss habe auch eher dazu gedient, eine positive Grundstimmung aufrechtzuerhalten. Negative Stimmung und weniger soziale Kontakte gingen hingegen mit weniger Konsum und Genuss einher. Man "sündigte" eher nicht, um eine bereits schlechte Stimmung aufzupolieren, wie die im Fachblatt "Biological Psychiatry" veröffentlichte Untersuchung zeigte.
Essen, um Stimmung zu regulieren
Der Fokus der Studie lag dabei primär auf dem Essverhalten, wobei der anzukreuzenden Kategorie "süßes, salziges oder üppiges Essen" keine weitere Kategorie gegenüberstand - also "Schokolade, Chips, Fast Food, Käse, Süßigkeiten", wie sie als Beispiele den Teilnehmenden mitgegeben wurden, nicht etwa mit Gemüse, Obst oder Müsli konkurrierten. Aber man habe auch ohne eine weitere Differenzierung klar zeigen können, so Silani, dass "Comfort Food" immer noch zur Regulierung der Stimmung eingesetzt werde - nur halt anders, als erwartet worden wäre. Eine weitere Differenzierung würde aber nochmals tiefere Einblicke in das Verhältnis von Essen und Stimmung geben können.
"Es gibt auch sehr interessante Beobachtungen bei Affen, von einer durch einen Hurrikan zerstörten Insel im Pazifik. Nach der Naturkatastrophe blieben die Affen auch häufiger in sozialen Gruppen beisammen, teilten ihr Essen untereinander und suchten damit quasi Wege, ihre Verbindung zu stärken", wie die Forscherin erzählte. Auch hier habe sich eben die Bedeutung sozialer Interaktionen und des Gemeinsamen als Mittel, um mit Bedrohungen umzugehen, gezeigt. Kein Indiz lieferte die Studie natürlich, so Silani, ob die Tiere zu einer bestimmten Art von Essen tendierten.
(S E R V I C E - https://www.biologicalpsychiatryjournal.com/article/S0006-3223(25)00105-2)
Zusammenfassung
- Eine Studie der Universität Wien zeigt, dass während des Covid-Lockdowns Genussmittel wie süßes und salziges Essen oder Fernsehen eher bei guter Stimmung konsumiert wurden, um diese zu untermauern.
- Rund 800 Teilnehmer aus Österreich, Deutschland und Italien nahmen an der Untersuchung teil, die während des ersten Lockdowns 2020 durchgeführt wurde.
- Positive Stimmung und soziale Interaktionen führten zu einem erhöhten Konsum von 'Comfort Food' und mehr Bildschirmzeit, während negative Stimmung mit weniger Konsum einherging.