Handelskrieg
Wie absurd Trumps Zölle zustande gekommen sind
Als Trump da am Mittwochabend im Rose Garden des Weißen Hauses seine Tafeln in die Höhe hielt, kratzten sich viele Ökonomen und Beobachter am Kopf – wie kommt man denn darauf?
Es war schon groß angekündigt, der 2. April sollte zum "Tag der Befreiung" werden. Es wurden neue Zölle angekündigt – Trumps "Lieblingswort" und Druckmittel der Wahl. Als Basis gelten 10 Prozent, für viele Länder mehr.
Auf den überdimensionierten Tafeln fand sich dann eine Liste, überschrieben mit dem Begriff: Reziproke Zölle, einfach gesagt: Gegenzölle.
Absurd hohe Zahlen
So wurde errechnet, wie viel Zoll anfällt, wenn US-Waren in ein anderes Land exportiert werden. Die USA werden künftig bei vielen Ländern rund die Hälfte in die Gegenrichtung verlangen, bei einigen auch gleich viel. Doch schnell ist klar: Die Zahlen stimmen hinten und vorne nicht.
Der EU wurden 39 Prozent an durchschnittlichen Zöllen berechnet, die USA "reagiert" mit 20 Prozent. In Wahrheit lagen die EU-Zölle für US-Produkte 2024 laut der Welthandelsorganisation (WTO) im Schnitt bei 4,8 Prozent, umgekehrt verlangten die USA Zölle in Höhe von 3,5 Prozent.
Bei China errechneten Trumps Berater 67, die Reaktion sind 34 Prozent. Bei der Schweiz wird mit 31 Prozent auf angebliche Zölle in Höhe von 61 Prozent reagiert.
Die Rechnung dahinter
Damit steht fest: Zölle kann Trump damit nicht gemeint haben. Die Rechnung dahinter macht es aber noch viel absurder. Denn das Büro des Handelsbeauftragten veröffentlichte kurz später ein Papier mit der Erklärung.
Die Erklärung des US-Handeslbeauftragten:
Betrachten wir ein Umfeld, in dem die USA einen Zollsatz von τ_i auf Land i erheben und ∆τ_i die Änderung des Zollsatzes widerspiegelt. ε<0 sei die Elastizität der Einfuhren in Bezug auf die Einfuhrpreise, φ>0 die Weitergabe von Zöllen an die Einfuhrpreise, m_i>0 die Gesamteinfuhren aus Land i und x_i>0 die Gesamtexporte.
Einfach gesagt: Man nehme das Handelsdefizit der USA mit Land X, dividiert es durch die Exporte des Landes in die USA, multipliziert mit 100 und voilà: Die ominösen "Zölle".
Das sagt allerdings weniger über die Zollpolitik als vielmehr über die Nachfrage nach amerikanischen Gütern in diesen Ländern und umgekehrt aus.
Was Trump völlig außer Acht lässt
Die ganze Rechnung hat auch einen blinden Fleck, für den man beide Augen fest zudrücken muss, um ihn zu übersehen. Es wird nämlich nur auf den Handel mit Waren geachtet. Hier haben die USA in der Tat ein massives Defizit mit der EU. 2023 waren es laut dem Europäischen Parlament 157 Milliarden Euro.
Dabei lassen Trump und seine Berater aber Dienstleistungen außer Acht. US-Megakonzerne wie Amazon, Google, oder Meta (die Mutter von Facebook, Instagram und WhatsApp) verdienen in der EU unzählige Milliarden und zahlen dank ausgeklügelter Steuerspar-Konstrukte in Irland und den Niederlanden kaum Steuern.
Beim Handel mit Dienstleistungen hat die USA mit der EU einen massiven Handelsüberschuss: 2023 waren es 109 Milliarden Euro. Am Ende bleibt immer noch ein Defizit, wenn auch ein deutlich kleineres.
"Schwarzer Tag für die Weltwirtschaft"
"Das ist ein schwerer Schock für den Welthandel und ein schwarzer Tag für die Weltwirtschaft", konstatiert Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft im "Handelsblatt".
"Trump legt die Axt an das offene, regelbasierte Handelssystem. Wenn diese Zölle in dieser Form bestehen bleiben, dann ist das eine Zäsur für die Weltwirtschaft, wie wir sie kennen", warnt er.
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Nun ist offen, wie die EU reagiert. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte bereits an, dass man an Gegenmaßnahmen arbeite. Wichtig wird laut Ökonomen vor allem eines: Die EU muss geschlossen dagegen halten. Wenn einzelne Mitgliedsstaaten ausscheren, schadet das allen anderen und würde Trump in seiner Irrationalität bestätigen.
Zusammenfassung
- Der "Tag der Befreiung" von Donald Trump kam heftiger als erwartet – der Rundumschlag härter als befürchtet. Massive Zölle auf beinahe alle Länder der Welt.
- Was in der Trump'schen Rechnung auf den ersten Blick halbwegs fair aussieht, ist bei genauerer Betrachtung ökonomisch absurd und schlichtweg falsch.
- Die Rechnung hinter seinen "Gegenzöllen" macht es noch viel absurder.
- Das ist "ein schwarzer Tag für die Weltwirtschaft", konstatiert Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft.